Alto Belli WM-Gedanken: Die spanische Mannschaft in der Analyse

Vor vier Jahren war das WM-Aus der Spanier bereits nach den ersten zwei Gruppenspielen besiegelt. Das Trauma ist mittlerweile abgeschüttelt, die Mannschaft hat einen Veränderungsprozess hinter sich – doch reicht das zum Titel? Die breite Öffentlichkeit zählt die Furia Roja in Russland zum Kreis der Favoriten. Janosch Franke hat den Kader genauer unter die Lupe genommen.


Der endgültige WM-Kader der spanischen Nationalmannschaft.


Tor

Die Nominierten: David de Gea, Kepa Arrizabalaga, Pepe Reina

Auch wenn sich David de Gea im Test gegen die Schweiz einen schweren Patzer erlaubte, der Keeper von Manchester United ist die unumstrittene Nummer 1 im Tor der spanischen Nationalmannschaft. Der 27-jährige, der seit der Europameisterschaft 2016 gesetzt ist, gehört zur absoluten Weltklasse und kann die wahrlich großen Fußstapfen eines Iker Casillas mittlerweile komplett ausfüllen. Sollte sich de Gea verletzen, besteht noch lange kein Grund zur Panik. Mit Kepa Arrizabalaga und Pepe Reina stehen zwei solide Vertreter bereit.


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Trotz Testspiel-Patzer gesetzt: David de Gea.


Abwehr

Die Nominierten: Dani Carvajal, Álvaro Odriozola, César Azpilicueta, Gerard Piqué, Sergio Ramos, Nacho Fernandez, Jordi Alba, Nacho Monreal

Trainer Julen Lopetegui setzt im Normalfall auf eine Viererkette in der Abwehr. Das Innenverteidigerduo Piqué/ Ramos ist unumstritten – und das schon seit Jahren, gefühlt Jahrzehnten. Es ist immer wieder verwunderlich anzuschauen, wie sich die zwei Charakterköpfe, die sich im Clásico bis auf´s Messer bekämpfen, in der Nationalmannschaft immer wieder zusammenraufen können und harmonieren wie ein eingespieltes Ehepaar. Chapeau! Falls sich die beiden ausnahmsweise doch gegenseitig zerfleischen sollten, kann Lopetegui auf ein gutes Backup-Duo vertrauen. Obwohl ich lange nicht verstanden habe, wie Nacho Fernandez bei Real Madrid zu seiner Spielzeit kommt, muss ich doch eingestehen: der Junge ist ein Guter! Ebenfalls ein Guter ist César Azpilicueta. Noch besser ist, dass der 28-jährige vom FC Chelsea sowohl im Zentrum als auch auf der rechten Außenbahn verteidigen kann.

Dort wird mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch Dani Carvajal auflaufen. Der Madrilene verletzte sich zwar im Champions League Finale, soll jedoch rechtzeitig wieder fit sein. Falls nicht könnte ein unbekanntes Gesicht zu seinen ersten Auftritten auf der ganz großen Bühne kommen. Álvaro Odriozola, 22-jährige Rechtsverteidiger in Diensten von Real Sociedad, wurde überraschend nominiert, konnte in seinem zweiten A-Länderspiel im Test gegen die Schweiz jedoch gleich mit einem Traumtor glänzen. Einmal kurz den rechten Außenrist ausgepackt und die Kugel zappelte im Netz. Was für ein Sonntagsschuss! Das freute nicht nur ihn selbst, sondern auch die Kollegen. „Ich werde dieses Tor nie vergessen“, berichtete der sympathische Jungspund im Interview nach dem Spiel, „Iniesta kam zu mir und sagte `was für ein geiles Tor´. Diesen Moment nehme ich mit ins Grab.“


Álvaro Odriozola dreht nach seinem Traumtor gegen die Schweiz zum Jubeln ab.


Auf der linken Außenbahn führt an Jordi Alba vom FC Barcelona kein Weg vorbei. Sein Ersatzmann Nacho Monreal dürfte sich den Großteil des Turniers von der Bank anschauen. Naja, immerhin ist er näher am Geschehen als Sandro Wagner.

Mittelfeld/ Sturm

Die Nominierten: Sergio Busquets, Saúl Ñíguez, Koke, Thiago, Andrés Iniesta, Isco, David Silva, Marco Asensio, Lucas Vázquez, Iago Aspas, Diego Costa, Rodrigo

Vor der Vierer-Abwehrkette bildet ein Dreier-Mittelfeld das Herzstück des spanischen Teams. Sergio Busquets wird als einziger echter Sechser die Position vor der Verteidigung bekleiden. Ähnlich wie beim FC Barcelona muss er auch in der Nationalelf den beschlagenen Offensivkünstlern vor ihm den Rücken freihalten. Einen vergleichbaren Spielertyp gibt es im Kader der Furia Roja nicht ein zweites Mal. Für die kreativen Ideen sollen die zwei zentralen Mittelfeldakteure vor Busquets sorgen. Auf dieser Position hat Lopetegui nicht zwei oder drei – nein, gleich vier Alternativen von Weltklasseformat. Namentlich sind das Andrés Iniesta, Thiago, Koke und Saúl Ñíguez. Eine ähnliche Qualitätsdichte im Mittelfeld kann höchstens noch die deutsche Mannschaft vorweisen. Coach Lopetegui hat die Qual der Wahl. Altmeister Andrés Iniesta ist bei seinem letzten Turnier wohl gesetzt. Daneben liefern sich Thiago, Koke und Saúl ein enges Rennen um den Platz in der Startelf. Ich muss ehrlich sein: Ich wüsste nicht für wen ich mich hier entscheiden sollte.

In vorderster Front zeigt sich Lopetegui gerne variabel. Mal falsche Neun, mal echter Strafraumstürmer – je nach Gusto. Feststeht wohl aber, dass er zwei echte Flügelstürmer aufbieten wird. Auf der rechten Seite ist David Silva gesetzt. Der Routinier erlebte in der abgelaufenen Spielzeit einen zweiten Frühling bei Manchester City. Obwohl schon 32 Jahre alt, wirkt Silva spritziger und frischer denn je – ob es am windschnittigen, kahlrasierten Kopf liegt? Als mögliche Backups für den Citizen stehen Lucas Vázquez und Iago Aspas bereit.

Auf dem linken Flügel ist die Rollenverteilung nicht so klar verteilt. Mit Isco und Marco Asensio stehen zwei der besten Techniker des Planeten bereit. Der ältere Isco wird wohl zunächst gesetzt sein. Doch wer einen Asensio von der Bank bringen kann, ist in meinen Augen ein Kandidat für das Finale. Der 22-jährige Madrilene ist sich indes bereits sicher, dass in Russland sein Stern endgültig aufgehen wird. Auf die Frage der spanischen Sportzeitschrift Marca, welcher Spieler die Entdeckung des Turniers sein werde, antwortete Asensio kess: „Ich würde sagen, dass ich das sein werde.“


Strotzt vor Selbstbewusstsein: Marco Asensio.


Falls Lopetegui eine falsche Neun aufbieten sollte, hat Isco gute Chancen diesen Posten auszufüllen. Entscheidet sich der spanische Trainer für einen echten Strafraumstürmer, führt kein Weg an Diego Costa vorbei. Der bullige Zielspieler von Atlético Madrid war, ist und bleibt ein unangenehmer Gegner für jeden Verteidiger. Als Backup fährt Rodrigo vom FC Valencia mit. Der Sandro Wagner Spaniens ist Álvaro Morata, der überraschend nicht nominiert wurde.

Fazit

Der spanische Kader hat Bums! Die Halbfinalteilnahme ist mit einem solchen Spielermaterial eigentlich Pflicht – zumal die Furia Roja nach dem beschämenden Ausscheiden 2014 ja auch noch etwas gut zu machen hat. Das Erfolgsrezept unter Lopetegui ist schnelles Umschaltspiel. Die Zeiten des Tiki-Taka mit Ballbesitzanteilen von über 70% sind wohl vorbei. Und falls das System nicht aufgehen sollte, schlägt man halt eine Ecke auf den Kopf von Sergio Ramos…

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2 Gedanken zu “Alto Belli WM-Gedanken: Die spanische Mannschaft in der Analyse

  1. Ein super ausführlicher und informativer Artikel. Komm dann auch noch die anderen Mannschaften? Ich würde mich sehr freuen mehr von dir zu lesen. Ich bin mir nicht sicher, ob Andres Iniesta nach dem Abschied aus Barcelona noch eine WM drin hat. Ich glaube aber, dass Spanien definitiv zu den drei bis vier Titelkandidaten gehört. Dazu ist der Kader einfach viel zu gut.
    Und wenn gar nichts mehr läuft, hat man ja noch Sergio Ramos.

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