Warum sich die Ungewissheit über die Zukunft des Fußballs gerade in Valencia manifestiert.

Mein Blick fällt auf graues Blech. Die etwa 2,50 Meter hohe Absperrung schränkt die Sicht auf eine Großbaustelle ein. Ganz verstecken kann sie das Dahinterliegende aber nicht, zu groß ist der Rohbau, der in den grauen Nachmittagshimmel hinaufragt. Er erinnert in seiner Form an eine Korallenformation, die bunten Farben fehlen jedoch.

Das triste Grau, in dem sich das Stadtviertel Benicalap an diesem Apriltag präsentiert, passt ganz und gar nicht zur eigentlich sehr farbenfrohen, spanischen Metropole Valencia. Ein Spalt in der Absperrung erlaubt einen Blick auf die verlassene Konstruktionsstätte dahinter. Die vereinzelten Container sind verschlossen, Fahrzeuge sind genauso wenig wie Bauarbeiter zu entdecken – dafür umso mehr Unkraut, das sich ungebremst ausbreiten kann und den Anschein erweckt, daran große Freude zu haben. Gearbeitet wird hier nicht.


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Die Baustelle des Nou Mestalla im April 2018: das ewige Projekt des FC Valencia. Foto: Janosch Franke.


Angesichts der Auswirkungen des Coronavirus auf das öffentliche Leben in Spanien sollte dieser Anblick nicht weiter verwunderlich sein. Auf Anordnung der Regierung darf auch auf allen Baustellen des Landes vorübergehend nicht mehr gearbeitet werden. Hier, hinter der Absperrung an der Avenida de las Cortes Valencianas, regiert der Stillstand aber schon länger – viel länger.

Nou Mestalla – das ewige Projekt

Es war vor ziemlich genau zwei Jahren, als mich ein innerer Impuls – zu einem Drittel aus Architekturinteresse, zu zwei Dritteln aus Fußballbesessenheit bestehend – zur Baustelle des Nou Mestalla führte. Bereits damals, im April 2018, ruhte dort die Arbeit. Der Bau der designierten neuen Heimstätte des FC Valencia begann allerdings schon 2007. Im Februar 2009 musste er aufgrund finanzieller Engpässe eingestellt werden, seitdem hat sich dort kaum mehr etwas getan – wenn man vom unbekümmerten Wachstumstrieb des Unkrauts einmal absieht.


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Seit 2009 herrscht auf der Baustelle des Nou Mestalla Stillstand. Foto: Janosch Franke.


Das Nou Mestalla – oder besser gesagt, dass was von ihm bereits steht – ist ein Sinnbild für die Misswirtschaft, die den traditionsreichen FC Valencia in der jüngeren Vergangenheit an den Rande des Ruin getrieben hat. Alles begann im Jahr 2004, bis heute das erfolgreichste in der Vereinsgeschichte der „Murciélagos“ (zu Deutsch Fledermäuse, in Anlehnung an das Wappentier des Vereins). Damals stand der Klub als spanischer Meister, UEFA Cup- und UEFA Super Cup-Sieger auf seinem Höhepunkt. Vom Beginn einer neuen Ära war die Rede. Um die Euphorie, der ohnehin nicht als zurückhaltend geltenden Che’s (Bezeichnung für die Anhängerschaft, aber auch Spieler des FC Valencia) weiter zu entfachen, wurden in der Folge große Ankündigungen gemacht.


Das Nou Mestalla wurde ursprünglich für rund 75.000 Zuschauer geplant.


Ein neuer Fußballtempel war fester Bestandteil der Visionen der Vereinsführung um den damaligen Präsidenten und Immobilien-Unternehmer Juan Bautista Soler. Das Nou Mestalla sollte mit einer geplanten Kapazität von 75.000 Plätzen, 20.000 Zuschauer mehr fassen können als die aktuelle Heimspielstätte, das altehrwürdige Estadio Mestalla. Der ursprünglich geplante Einweihungstermin im August 2010 liegt mittlerweile fast zehn Jahre zurück, die Anzahl der Plätze wurde bereits auf 55.000 reduziert – und trotzdem ist eine zeitnahe Fertigstellung nicht in Sicht.

Corona-Krise zerstört einmal mehr die Hoffnungen

Der FC Valencia hat sich mit dem Stadion-Projekt übernommen, das sollte mittlerweile auch der optimistische Che eingesehen haben. Nach Baubeginn 2007 stürzte der Klub sportlich ab, versank in der Mittelmäßigkeit. Die fehlenden Einnahmen aus den europäischen Wettbewerben, viel zu hohe Personalausgaben und die auf ursprünglich ca. 344 Millionen Euro taxierten Kosten für den Stadionneubau stürzten den FC Valencia in einen jahrelang andauernden Existenzkampf, von dem sich der Verein erst allmählich zu erholen scheint.

Es ist allerdings keineswegs so, als hätte es zwischenzeitlich keine Hoffnung auf eine baldige Fertigstellung des Nou Mestalla gegeben. Nach dem Baustopp 2009 zeigte sich im Dezember 2011 ein erster Lichtblick: Der FC Valencia verkündet eine Übereinkunft mit dem spanischen Kreditinstitut Bankia, die es dem Verein erlaubt, die Arbeiten wieder aufzunehmen. Die aufkeimende Hoffnung währt jedoch nicht lange, denn die Weltwirtschaftskrise erfasst Spanien und führt zum Entzug des Kredits in dreistelliger Millionenhöhe.


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Die aktuelle Bauplanung sieht vor, dass das Nou Mestalla zur Saison 2022/23 bezugsfertig ist. Foto: Janosch Franke.


In den folgenden Jahren werden die Baupläne aufgrund fehlender Finanzierungsmöglichkeiten mehrmals verändert, der Termin für die Fertigstellung weiter und weiter nach hinten verschoben. Erst 2019 wird die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Misere konkreter. Valencias damaliger Generaldirektor Mateu Almany stellt auf einer Pressekonferenz einen realisierbaren Finanzierungsplan vor, zur Saison 2022/23 soll im Nou Mestalla der Ball rollen. Der Plan sieht den Verkauf des Stadiongeländes des „alten“ Mestallas vor, Interessenten soll es genug geben.

Ende März 2020 soll es schließlich so weit sein: Der Vertrag über den Verkauf des alten Stadiongeländes an die Unternehmensgruppe ADU Mediteráneo ist ausgehandelt und muss nur noch unterschrieben werden. Es geht um eine Summe von rund 115 bis 120 Millionen Euro. Doch der Deal platzt: Aufgrund der Corona-Pandemie und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Abschwung tritt ADU Mediteráneo vom Kauf zurück. Zwar habe das Bauunternehmen weiterhin die Möglichkeit, das Grundstück doch noch zu erwerben, das Exklusivrecht bestehe allerdings nicht mehr, heißt es in einem Statement seitens des FC Valencia. Ob und wann der Verkauf realisiert werden kann, ist damit einmal mehr ungewiss – und somit auch, wann die Arbeiten am Nou Mestalla fortgesetzt werden. Das Unkraut auf der Baustelle wuchert derweil ungestört weiter, Corona hin oder her.


Valencias Vorstandsvorsitzender Anil Murthy verkündet am 29. März 2020, das Stadionprojekt trotz des geplatzten Deals mit ADU Mediteráneo unbedingt abschließen zu wollen.


Auch beim Lokalrivalen herrscht Ungewissheit

Fährt man mit einem Valenbisi (unglaublich praktisches und günstiges System von Leihfarrädern in Valencia) eine knappe Viertelstunde Richtung Nordosten, erreicht man das Estadio Ciudad de Valencia. Es ist die Heimstätte des zweiten Erstligisten der Stadt, der Union Deportiva Levante. Bei den Granotas (zu Deutsch Frösche, Bezeichnung der Anhängerschaft und Spieler der UD Levante) geht es in allen Belangen beschaulicher zu. Von Titeln wagt hier niemand zu träumen, der Klassenerhalt sowie vereinzelte Siege in den Aufeinandertreffen mit dem großen Stadtrivalen vom FC Valencia haben hier oberste Priorität. Das unspektakuläre Estadio Ciudad de Valencia kann mit seinen rund 26.354 Plätzen weder mit dem Mestalla, noch mit der Vision des Nou Mestalla konkurrieren – muss es aber auch nicht.

Doch auch im Estadio Ciudad de Valencia sollte aktuell gebaut werden – die strikten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verzögern jedoch das Vorhaben, die Dachkonstruktion und Stadionbeleuchtung gemäß der neuen Auflagen von LaLiga für die kommende Saison 2020/21 anzupassen. Eigentlich sollten die Arbeiten innerhalb der aktuellen Länderspielpause (23. März bis 3. April) abgeschlossen werden, doch auf Anordnung der spanischen Regierung herrscht auf allen Baustellen des Landes vorerst bis mindestens 10. April Stillstand. Wann die Bauarbeiter ins Levante-Stadion zurückkehren können, ist ungewiss.


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Das Estadio Ciudad de Valencia, Heimspielstätte der UD Levante. Foto: Janosch Franke.


Gedankenspiele seitens LaLiga, die verbliebenen Partien ohne Publikum auszutragen, um die Saison doch noch zeitnah abschließen und den finanziellen Schaden in Grenzen halten zu können, verstärken die planerische Unsicherheit bei den Granotas. Eine Fortführung des Spielbetriebs im Estadio Ciudad de Valencia ist beim aktuellen Stand der Bauarbeiten nicht möglich, diese müssten vorher abgeschlossen werden – oder der Klub wechselt vorübergehend den Spielort.

Auch wenn über die Möglichkeit und den Zeitpunkt einer eventuellen Fortführung der aktuellen LaLiga-Saison aktuell nur spekuliert werden kann, hat sich die Vereinsführung der UD Levante bereits mit dem Thema Stadionwechsel beschäftigt. In einem Bericht der valencianischen Lokalzeitung „Levante“ werden das Mestalla sowie Villareals Estadio de la Cerámica als mögliche Ausweichorte genannt. Ein Verzicht auf das Heimrecht bei vereinzelten Spielen ist demnach auch denkbar.


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Das Estadio Mestalla wurde 1923 eröffnet und ist das älteste Stadion aller aktuellen spanischen Erstligisten. Foto: Janosch Franke.


 

Zwei Vereine, zwei Baustellen – in Valencia manifestieren sich die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Profifußball aktuell in einer besonders symbolischen Form. Wie geht es weiter? Wann geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Die Zukunft ist ungewiss.

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