Mutil…was? Wie ich den spanischen Fußball kennenlernte

Warum verlässt ein Bastian Schweinsteiger die Bayern und wechselt zu Manchester United? Was zieht einen Thomas Broich in die Australische Fußball Liga? Warum lässt Miroslav Klose seine Karriere bei Lazio Rom ausklingen? Diese drei Herren werden gänzlich unterschiedliche Motive für ihren Wechsel ins Ausland gehabt haben. Letztendlich haben sie aber alle den Schritt ins Ungewisse gewagt.

Auch mich hat es dieses Jahr ins Ausland gezogen. Aber natürlich nicht aus fußballerischen Gründen in erster Linie. An der Universidad de Navarra in Pamplona habe ich ein Auslandssemester absolviert. Sechs Monate in Spanien, großartig! Und so großartig meine Zeit auch war, gegen Ende meines ersten Monats in Pamplona begann ich eine ganz bestimmte Sache zu vermissen. Es war kein Heimweh. Es störte mich einfach, dass ich einen Monat lang nicht gegen den Ball getreten hatte. Ich wollte wieder Fußball spielen.

Der erste Anhaltspunkt eines Erasmus-Studenten, der ein Fußballteam sucht, ist logischerweise die Universität. Ich musste mich nicht lange umgucken, da fand ich mich in einer Facebook Gruppe von Fußball interessierten Austauschstudenten wieder. Ein- bis zweimal die Woche trafen wir uns zum Kicken auf dem Unigelände. Die Universidad de Navarra hat einen großen Fußballplatz mit feinstem Kunstrasen und Flutlicht – beste Bedingungen also.

Das Sportgelände der Universidad de Navarra
Das Sportgelände der Universidad de Navarra

Es ist schön zu sehen, wie die Leidenschaft zum Fußball Menschen aus allen denkbaren Kulturkreisen zusammenführen kann. Wenn wir uns zum Kicken in der Uni trafen, dann waren Spieler aus den unterschiedlichsten Ländern vertreten. Auf dem Platz wurde in einer Mischung aus Englisch, Spanisch und den jeweiligen Landessprachen kommuniziert. Ich muss immer noch darüber schmunzeln, wie unsere beiden Italiener Lorenzo und Manfredi jeden Fehler mit einem kernigen „putana“ quittierten. Oder wie Julian aus Kolumbien selbst bei relativ milden Wintertemperaturen immer in mehrere Schichten Klamotten eingepackt und mit Pudelmütze sowie Handschuhen auflief.

Das Kicken mit den anderen Austauschstudenten machte unheimlich viel Spaß, aber es war eben nur ein loser Zusammenschluss ohne feste Trainingszeiten. Wir trafen uns sehr unregelmäßig und irgendwie war ich damit noch nicht satt. Ich wollte in einem richtigen Team mit festen Trainingstagen spielen. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Verein. Wie es der Zufall wollte, musste ich mich nicht lange umgucken. Man kann fast sagen: der Verein fand mich.

Alles begann mit einer Bekanntschaft, die ich in der WG einer Kommilitonin machte. Es war ein Freitagabend, wir trafen uns mit ein paar Leuten, um gemütlich etwas zu trinken. Als ich die Küche der Wohnung betrat, um mir ein Kaltgetränk aus dem Kühlschrank zu holen, traf mich fast der Schlag: Am Küchentisch saß ein mir bis dato unbekannter Österreicher, der einen Hannover 96 Trainingsanzug trug. Das muss man sich mal vorstellen! Wie gering ist denn bitte die Chance in der spanischen Kleinstadt Pamplona (knapp 200.000 Einwohner) eine Person im 96-Outfit zu treffen? Mutmaßlich ebenso gering, wie die Wahrscheinlichkeit, dass die Roten dieses Jahr die Deutsche Meisterschaft holen.

Nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit erwachte ich aus meiner Starre und sprach den Unbekannten auf seinen Trainingsanzug an. Eigentlich war ich nur in die Küche gegangen, um mir schnell ein Getränk zu holen, nun versank ich aber in ein langes Gespräch: Dominik ist Torwart und spielte zwei Jahre für die zweite Mannschaft der Roten – daher das Outfit. In der Jugend, die er unter anderem bei Austria Wien absolvierte, galt er als großes Talent. Er lief sogar einige Male für Österreichs Jugendnationalmannschaften auf. Der große Durchbruch gelang allerdings nie.

Nachdem es bei Hannover 96 nicht mit der Profikarriere geklappt hatte, tingelte Dominik einige Jahre durch die Regional- und Oberligen, bis es ihn letztendlich nach Spanien verschlug. Doch warum gerade Pamplona? Zum 1ten Juli 2014 war Dominiks Vertrag bei Hansa Rostock II ausgelaufen und interessante Angebote anderer Vereine lagen auch nicht vor. Das Kapitel Deutschland war fürs Erste beendet. Die nächsten Wochen verbrachte Dominik damit E-Mails zu verfassen. Er bat Vereine aus ganz Europa um ein Probetraining. Die meisten Klubs schrieben noch nicht einmal zurück. Der spanische Zweitligist CA Osasuna antwortete immerhin. Letztendlich kam es zwar nicht zu einem Probetraining, doch der freundliche Umgangston mit dem der Verein aus Pamplona ihm begegnete, bewegte Dominik dazu nach Spanien zu kommen. In seinem alten Opel fuhr er durchs ganze Land, absolvierte hier und da ein Testtraining und stellte sich bei unzähligen Vereinen vor. Wie es der Zufall wollte endete Dominiks Odyssee schließlich doch in Pamplona – beim Viertligisten UD Mutilvera.

Lange Rede kurzer Sinn: So kam es also, dass ein Österreicher im 96 Dress und ein Hannoveraner in jener Küche im Stadtteil Milagrosa aufeinander trafen. Dass Milagrosa auf Deutsch so viel wie wundersam, erstaunlich oder übernatürlich heißt, passt zu dieser Begebenheit. Unglaublich, welche Geschichten das Leben schreibt!

Irgendwann erzählte ich, dass ich auf der Suche nach einem Verein war, um mich in Spanien fit zu halten. Dominik bot sofort an, beim nächsten Training mit dem Coach der zweiten Mannschaft zu sprechen und zu fragen, ob ich mittrainieren könnte. Gesagt, getan: Zwei Tage später, ich war gerade in der Uni, rief mich Dominik an: „Ich hol dich heute um 19:15 Uhr ab und nehme dich mit zum Training der Zweiten. Vergiss dein Zutrinken nicht!“

Mit gepackter Sporttasche stand ich am selben Abend vor meiner Wohnung und wartete auf Dominik. Zu behaupten, ich sei in diesem Moment nicht aufgeregt gewesen, käme einer Lüge gleich. Ich war höchst angespannt, als ich die Scheinwerfer des alten Opels in meine Straße einbiegen sah. Die Fahrt zum Sportplatz des UD Mutilvera dauerte etwa 10 Minuten. Das Vereinsgelände liegt in einem Industriegebiet am Rande des kleinen Vororts Mutilva. Dort angekommen brachte mich Dominik noch zur Kabine der 2ten Herren. Er wünschte mir viel Spaß, dann ging er hinüber zum A-Team.

Der Umkleideraum war noch ziemlich leer, als ich eintrat. Logisch, es war 19:30 Uhr, eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn. Immerhin mein Coach war schon da. Zuerst guckte er mich fragend an, doch als ich ihm sagte, ich sei der Kumpel von Dominik, wusste er Bescheid. „Ah der Deutsche…Setz dich, es ist noch früh!“ Ich begann mich umzuziehen und so langsam trudelten die anderen Spieler ein. Die meisten musterten mich verwundert, sagten aber nichts. Irgendwann fragte einer: „Woher kommst du?“ „Hannover, das ist im Norden von Deutschland. Kennst du die Stadt?“ antwortete ich. Der Spanier grinste: „Hannover, natürlich! 96, nicht wahr?“

Die Kabine füllte sich allmählich und nach ein paar Minuten war ich nicht mehr das Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Spanier begannen sich untereinander zu unterhalten. Ich versuchte die Gespräche aufzuschnappen, musste aber feststellen wie schwierig das war. Hier in der Kabine wurde ein anderes Spanisch gesprochen als ich es von meinen ersten Wochen an der Universidad de Navarra kannte. Meine Mitspieler redeten sehr schnell und in einem Slang, den ich kaum verstand. Bereits in diesen ersten Minuten in der Kabine musste ich feststellen, dass es definitiv eine Sprachbarriere gab. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz.

Die Kabine des B-Teams von Mutilvera
Die Kabine des B-Teams

Zum Glück ging es dann endlich auf den Rasen. Ein paar Runden lockeres einlaufen, danach wurde nur noch mit dem Ball trainiert. Wie ich es auch aus Deutschland kannte begann die Einheit mit dem Klassiker schlechthin: dem Gammeleck. Wie der spanische Ausdruck dafür ist, konnte ich irgendwie nie aufschnappen – schade eigentlich. Beim Gammeleck fiel die Anspannung langsam von mir ab. Es war großartig wieder zu trainieren, auch wenn ich meine Mitspieler nur schwer verstand.

Nach ein paar Minuten rief uns der Trainer zusammen. Auf dem Plan stand ein Stationstraining mit verschiedenen Passübungen. Die Erläuterungen unseres Coachs verstand ich eher schlecht als recht, dafür fehlte mir einfach das entsprechende Vokabular. Fragen, wie genau die Übung funktionierte, wollte ich aber auch nicht. Ich wollte kein Störenfried sein, der das Training unnötig verlängerte und verkomplizierte. Als wir uns an den Hütchen postierten, stellte ich mich also einfach ganz hinten in der Reihe an, um erst einmal den Anderen zuzusehen. Der Plan ging auf: Als ich an der Reihe war, hatte ich keinerlei Probleme die Übung fehlerfrei zu absolvieren.

Der Platz des UD Mutilvera
Der Platz des UD Mutilvera

So ging es weiter. Von Übung zu Übung. Von Trainingseinheit zu Trainingseinheit. Mittlerweile war mein Einstand beim UD Mutilvera etwa einen Monat her. Mein Team trainierte dreimal pro Woche, ich fuhr aber meist nur an zwei Tagen hinaus nach Mutilva. Mit der Verständigung klappte es auch immer besser. Mittlerweile verstand ich vieles von dem, was meine Mitspieler auf dem Platz und in der Kabine sagten. Auch die Distanz zwischen uns wich allmählich. In der Kabine wurde ich zu meiner Meinung zu den letzte Spielen der Champions League gefragt und ich hatte von den Teamkollegen einen Spitznamen bekommen. „Janosch“ konnte niemand aussprechen, weil es den „sch-Laut“ im Spanischen nicht gibt. Es war daher quasi notwendig, dass ich einen Rufnamen bekam. Für meine Mitspieler war ich seit einiger Zeit „Poldi“, der deutsche Linksfüßer. Nicht gerade über die Maßen kreativ, aber mir gefiel mein Spitzname.

Der Strafenkatalog der 2ten Herren: Bei dreimaliger Verfehlung wird der Spieler suspendiert.
Der Strafenkatalog der 2ten Herren: Bei dreimaliger Verfehlung wird der Spieler suspendiert.

Das Training bei Mutilvera war zu einem festen Bestandteil meines Alltags in Spanien geworden. Dass ich aber einmal das Trikot des Vereins bei einem Spiel überstreifen konnte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Zugegeben, es war ein Testspiel gegen den Verein aus dem Nachbarort. Nichts Weltbewegendes. Trotzdem kann ich in meiner fußballerischen Vita verbuchen, einmal für einen spanischen Klub aufgelaufen zu sein. Es muss Ende März gewesen sein, als es zu diesem denkwürdigen Ereignis kam. Am Ende der Montagstrainingseinheit erzählte unser Coach, dass für Mittwoch ein Testspiel angesetzt war. Da ich keine Spielerlaubnis für die spanische Liga hatte und somit kein vollwertiges Mitglied der Mannschaft war, dachte ich, dass ich auch bei diesem Test nicht mitwirken sollte. Bevor ich die Kabine verließ fragte ich also unseren Trainer, wann das nächste reguläre Training stattfände. „Willst du Mittwoch nicht mitspielen? 19 Uhr treffen hier.“ Und ob ich mitspielen wollte!

So kam es dazu, dass ich mir am Mittwochabend in der Kabine, statt wie üblich mein rotes Osasuna Trikot, das weiße Mutilvera Dress überstreifte. Die erste Hälfte verbrachte ich erwartungsgemäß zunächst auf der Bank. Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit rief mich der Trainer dann zu sich: „Mach dich warm! Du kommst in 5 Minuten rein. Welche Position?“ „Gute Frage! Was heißt defensiver Mittelfeldspieler denn bloß auf Spanisch“, dachte ich mir. „Ich spiele die gleiche Position wie Khedira“, versuchte ich zu erklären. Natürlich verstand mein Coach sofort. Khedira kennen alle Spanier, nicht nur in Madrid.

Es muss so um die 60te Spielminute gewesen sein, als ich dann eingewechselt wurde. Wir lagen zu diesem Zeitpunkt 1:2 zurück. Gerne würde ich an dieser Stelle berichten, dass ich die Partie mit einem Doppelpack noch zum 3:2 Endstand drehte…aber bleiben wir bei der Wahrheit: Ich hatte relativ viele Ballkontakte, gab einen Torschuss ab, begang zwei Fouls und machte mich eigentlich nicht schlecht. Alles in allem reichten meine Bemühungen aber nicht, um dem Spiel noch eine gute Wendung zu geben. Letztendlich verloren wir mit 1:3. Unser Trainer war mit dieser Leistung ziemlich unzufrieden, ich aber verließ an diesem Abend mehr als glücklich das Vereinsgelände…

Nun bin ich schon wieder seit ein paar Monaten in Deutschland. Wenn ich an die Zeit beim UD Mutilvera zurückdenke, muss ich aber immer noch grinsen. Ich bin froh, dass ich die Chance in Spanien Fußball zu spielen, beim Schopfe gepackt habe. Zu Anfang war es nicht leicht als einziger Ausländer in der Kabine. Von den Gesprächen der Mitspieler war ich aufgrund der Sprachbarriere zum Großteil ausgeschlossen. Jetzt kann ich besser nachvollziehen, dass auch Fußballprofis, die in ein anderes Land wechseln, eine Eingewöhnungszeit brauchen. Aus meiner Perspektive ist dieser unbequeme Schritt ins Ausland aber sehr wertvoll. Ich habe bei Mutilvera wichtige Erfahrungen mitgenommen, bin reifer geworden und letztendlich hatte ich einfach eine Menge Spaß.

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