Von Wölfen und Störchen – ein Relegationsabend in Spanien

Seit Januar wohne ich in Spanien. Auslandssemester. Der deutsche Fußball lässt mich natürlich trotzdem nicht los. Wochenende für Wochenende, Spieltag für Spieltag verfolge ich auf meinem 15-Zoll-Laptop die Bundesliga. Tue ich mir jetzt auch die Relegation an? Was für eine Frage – natürlich!

Eine Chronik zum Hinspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Holstein Kiel.

+++ 10:00 Uhr +++
Der Wecker klingelt. Wenig begeistert öffne ich die Augen. Mir steht ein langer Lerntag bevor. Ja, auch Erasmus-Studenten müssen ab und zu etwas für die Uni tun. Bacon in die Pfanne, zwei Eier hinterher. Beim Frühstück scrolle ich durch meine Twitter-Timeline. Stimmt, da war doch was. Heute ist der Tag des Relegationshinspiels zwischen Wolfsburg und Kiel. Erst lernen, dann den Tag mit einem hoffentlich spannenden Fußballabend abschließen. Gar nicht so übel!

+++ 12:48 Uhr +++
Zwei Stunden bereits gebüffelt. Es kommt mir deutlich länger vor. Zeit für eine Pause. „Tío, hast du Bock heute Abend Relegation zu schauen?“. Die Antwort meines Kumpels Aram lässt nicht lange auf sich warten. Klar hat er Bock.

+++ 15:56 Uhr +++
Ich brüte vor meinem elendig langen Lernzettel, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Im Kopf gehe ich bereits das Spiel durch. Ein Auswärtstor für Kiel, das wäre doch etwas. Und dann machen die Störche im Heimspiel am Montag den Aufstieg klar – so meine Wunschvorstellung. Mein Blick wandert auf das Smartphone und ich lese die Nachricht, dass die DFL den Kielern eine Ausnahmegenehmigung zur Austragung von Bundesliga-Spielen im eigenen Stadion erteilt hat. Erst gestern hatte ich mir noch schlagkräftige Argumente zurechtgelegt, um Martin Kind davon zu überzeugen, der KSV ein Gastspielrecht in der HDI-Arena zu gewähren. Ein Anruf beim 96-Boss kam jedoch nicht zustande, da ich verwundert feststellen musste, dass sich seine Nummer gar nicht in meiner Kontaktliste befand. Hat sich ja nun auch erledigt.

+++ 19:30 Uhr +++
Der VfL Wolfsburg gibt die Aufstellung bekannt. Mit dabei auch „Unterschiedsspieler“ Renato Steffen. Die Worte von VfL-Sportdirektor Olaf Rebbe klingen mir beim Lesen des Namens noch in den Ohren nach: „Ich habe zuletzt immer wieder betont, dass wir nur dann auf dem Transfermarkt aktiv werden, wenn wir einen Spieler verpflichten können, der uns besser macht. Renato Steffen ist genauso ein Spielertyp.“ Eine Vorlage in 16 BL-Einsätzen (davon allerdings nur vier über volle 90 Minuten) konnte der Schweizer in der Rückrunde liefern. „Zu wenig“, denke ich mir. „Ausreichend“, wird sich Rebbe denken, falls sein Schützling heute doch mal treffen sollte.


Renato Steffen bei seiner Vorstellung im Winter.


+++ 20:09 Uhr +++
Beim Blick auf die Kieler Aufstellung kommt mir ein Gedanke: 18 Tore und elf Vorlagen in 33 Spielen – warum hat Jogi Löw eigentlich nicht Marvin Ducksch für die WM nominiert? Ein deutscher Nationalspieler von Holstein Kiel – was wäre das für eine Geschichte! Das gab es seit Georg Krogmann und Werner Widmayer nicht mehr. 87 Jahre ist das mittlerweile her.

+++ 20:43 Uhr +++

Es läuft die 13. Spielminute. Nach einer Phase des behutsamen Beschnupperns fällt mir jetzt zum ersten Mal die Olive, die ich in typisch spanischer Marnier als Snack bereitgestellt hatte, aus der Hand. Aus dem Nichts stolpert Divock Origi das Spielgerät aus drei Metern in die Maschen. Das 1:0 für die Hausherren weckt sowohl mich als auch die Wölfe-Fans aus einer angespannten, aber ruhigen Gemütslage. Höre ich richtig? Lauter Jubel aus dem Heim-Block? Es ist ungewohnt, aber wahr. Eine solche Stimmung kennt man aus Wolfsburg sonst nur, wenn beim hier ansässigen Automobilkonzern der tarifliche Lohn erhöht wird. Die Kieler trifft das frühe Gegentor wie ein kalter Herbstschauer. Über die Entstehung wird zu reden sein. Yunus Malli kann vor seiner Hereingabe in aller Seelenruhe durch den Strafraum der Störche spazieren. Gegnerdruck ist in dieser Situation nicht zu spüren. Ist es die Angst vor einem Strafstoß, der die Kieler dazu veranlasst den Deutschtürken so gewähren zu lassen? Der neutrale Beobachter hätte sich ein wenig mehr Zweikampfbereitschaft von der Hintermannschaft gewünscht.


Divock Origi (hier gegen Köln) markiert das frühe 1:0.


+++ 20:56 Uhr +++

Nach sage und schreibe 25 Minuten setzt Dominic Peitz das erste Ausrufezeichen einer durch das Gegentor sichtlich verunsicherten Kieler Mannschaft. In feinster Jaap-Stam-Manier fährt er sein Teleskopbein aus und erstickt einen Wolfsburger Angriff mit einer harten – aber fairen – Grätsche im Keim. Warum erst jetzt? Aus irgendeinem Grund fehlt den Gästen aus Schleswig-Holstein noch die Körperspannung. Eigentlich unverständlich, denn der Underdog kennt als Aufsteiger die Außenseiterrolle und sollte doch unbeschwerter aufspielen können als die Millionentruppe des VfL. Die nötige Wachheit fehlt den Kielern in dieser Anfangsphase. Einzig der Trainer, Markus Anfang, zeigt sich aggressiv und dirigiert seine Mannschaft wild gestikulierend von der Seitenlinie.

+++ 21:04 Uhr +++

Acht Minuten später folgt der erste Kieler Moment. Zum ersten Mal können sie ihr schnelles Umschaltspiel durchbringen, dass sie in den letzten Saisons so stark gemacht hat. Wenige Sekunden vergehen bis der Ball die Strecke vom Mittelkreis bis ins Wolfsburger Tor überbrückt hat. Wenige Pässe nach der Balleroberung bekommt Dominic Drexler den Ball am Strafraumeck der Hausherren. Was dann folgt, ist großes Kino. Einmal links gewackelt, einmal rechts gewackelt, dann ist Drexler an seinem Gegenspieler vorbei. Einfach auf dem Bierdeckel ausgetanzt. Der anschließende Pass findet Kingsley Schindler, der nur noch einschieben muss. 1:1. Da ist das wichtige Auswärtstor.

+++ 21:06 Uhr +++

Das Gegentor zeigt Wirkung beim VfL. Maxi Arnold rutscht vor Schreck die Kapitänsbinde vom Arm und er muss sie notgedrungen die nächsten Minuten in der Hand halten. Es scheint als hätte der Schock seinen ganzen Körper, einschließlich Oberarm, schrumpfen lassen. Irgendwann schafft es Arnold aber schließlich doch die Binde wieder festzuzurren.

+++ 21:10 Uhr +++

In der Folge kann Wolfsburg das Spiel langsam, aber sicher erneut an sich reißen. Robin Knoche holt aus der Tiefe des Spielfelds zu einem Boateng-Gedächtnispass aus und überbrückt damit die komplette Entfernung bis zum Kieler Strafraum. Dort ist Dominik Schmidt einen kurzen Augenblick nicht im Bilde und legt beim Klärungsversuch unfreiwillig für Brekalo auf. Der Kroate im Wölfe-Dress zögert nicht lange, sondern packt  kurz vor der Strafraumgrenze den Hammer aus. 2:1. Ein Traumtor, das so gar nicht zu einem Relegationsspiel passt. Das war gehobene Klasse!

+++ 21:43 Uhr +++

In der Halbzeitpause gehe ich ein paar mehr Oliven holen und stelle mich mental auf einen intensiven zweiten Durchgang ein. 2:1 – da ist noch alles möglich. Zehn Minuten nach Wiederanpfiff folgt dann aber zunächst ein weiterer Rückschlag für die Gäste aus dem hohen Norden. Divock Origi ist dieses Mal der Ausgangspunkt. Dieser hat kurz vor dem Strafraum einfach deutlich zu viel Platz und bestraft das mit einem Traumpass auf Malli. Der bedankt sich und hat keine Mühe das 3:1 zu besorgen. Yunus Malli hat heute Spaß. Die Leichtfüßigkeit erinnert an Mainzer Tage.


Yunus Malli erwischte einen guten Tag.


+++ 22:08 Uhr +++

Die Anzeigetafel des vierten Offiziellen leuchtet auf. Eine rote Acht ist zu sehen. Renato Steffen verlässt das Feld. Der „Unterschiedsspieler“, der heute eine anständige Leistung zeigte, wird von „Kuba“ Blaszcykowski ersetzt. Der Wechsel steht sinnbildlich für das bisherige Spiel. Kiel ist alles andere als Chancenlos, aber Wolfsburg hat insgesamt einfach mehr Qualität zur Verfügung. Einen „Kuba“ von der Bank bringen zu können – das klingt einfach nicht nach zweiter Liga. Dieser Qualitätsunterschied ist heute in den entscheidenden Situationen zu sehen und daher steht es 3:1.

+++ 22:09 Uhr +++

Nur eine Minute später wird es für einen Moment still im Stadion. Marvin Ducksch – „18-Tore-Marv“ – hat die Riesenchance zum Anschlusstreffer auf dem Schlappen. Völlig frei im Strafraum schießt er mit der Picke links am Kasten der Wölfe vorbei. In der jüngeren Vergangenheit hat er solche Dinger noch vor dem Frühstück eingeschweißt. Ganz Kiel seufzt. Das wär´s gewesen! Jogi Löw hat die Szene natürlich verfolgt und streicht Ducksch von seiner Beobachtungsliste. „Dann vielleicht doch lieber Füllkrug“, denkt sich der Bundestrainer.

+++ 22:16 Uhr +++

Holstein Kiel wird immer dominanter. Der Wille ist da, das Glück aber nicht. Kurz vor Schluss fordern die Störche dann einen Strafstoß. Rafael Czichos kommt im Sechzehner zu Fall. Wenn Czichos fällt, hat das im Normalfall einen Grund. Der 1,88m große Abwehrhühne kann im Vokabular eines Fußballfans durchaus in der Kategorie „Fels in der Brandung“ verortet werden. Kaum vorstellbar, dass ihn ein Schubser von Maxi Arnold aus der Balance gebracht haben soll. Der Wolfsburger Kapitän springt zwar relativ ungeschickt in seinen Gegenspieler hinein. Ein klarer Elfmeter war das aber nicht. Markus Anfang sieht das anders. Der Kieler Coach tobt am Spielfeldrand. Selbst wenn ich Lippen lesen könnte, ich würde seine Worte an dieser Stelle nicht veröffentlichen.


Am Ende haderten die Störche mit ihren vergebenen Chancen.


+++ 22:25 Uhr +++

Das Spiel ist aus. Wolfsburg gewinnt am Ende verdient, aber vielleicht ein Törchen zu hoch. Holstein Kiel braucht im Rückspiel mehr Entschlossenheit, mehr Durchschlagskraft und auch mehr Glück, um das Ergebnis noch drehen zu können. Ich habe mittlerweile alle Oliven gegessen und erzähle meiner spanischen Mitbewohnerin vom gerade Gesehenen. Sie interessiert das nicht wirklich, aber hört geduldig zu. Ich freue mich bereits auf Montag. Relegation Part II – das Rückspiel werde ich mir sicher auch angucken. Zuvor muss ich aber neue Oliven kaufen.

 

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