Der König ist tot – lang lebe der König

Warum der amtierende Weltmeister in Brasilien kein Bein auf den Boden bekam und schon nach der Vorrunde nach Hause fährt – eine Analyse des spanischen Spiels.

 

Bereits am zweiten Spieltag der Gruppe B kam es zu einem echten Endspiel. Die Spanier, die ein paar Tage zuvor mit 5:1 von der Niederlande quasi überrollt wurden, mussten gegen Chile punkten, um die Chance aufs Weiterkommen zu wahren. Doch es lief überhaupt nicht rund für die Schützlinge von Trainer Vicente del Bosque. Bereits zur Halbzeit führten die dynamischen Chilenen mit 2:0. Nach dem Seitenwechsel bäumten sich die Spanier noch einmal auf, der Anschlusstreffer lag in der Luft. Doch dann kam die 53. Minute und mit ihr eine Szene, die quasi sinnbildlich für das gesamte Auftreten der Spanier bei dieser WM steht: Diego Costa setzte im Strafraum der Südamerikaner zum Fallrückzieher an und bediente damit Sergio Busquets, der aus zwei Metern nur noch ins leere Tor einschieben musste. Er verfehlte und damit erstarb der letzte Funken Hoffnung auf das Weiterkommen.

Tiki-Taka – ein gescheitertes System?

Letztendlich war es natürlich nicht diese eine Szene, die für Spanien das Aus bedeutete. Die „Furia Roja“ scheiterte bei dieser WM an ihrem eigenen System.

Tiki-Taka heißt der Spielstil, für den die spanische Nationalmannschaft und auch der FC Barcelona seit Jahren bekannt sind. Bei der WM 2006 wurde dieser Begriff ins Leben gerufen. Bei den großen Turnieren von 2008, 2010 und 2012 waren die Spanier für ihr Tiki-Taka gefürchtet. Enorm viel Ballbesitz und das Vermeiden von langen Pässen sind die Kennzeichen dieses Systems. Damit es funktioniert bedarf es technisch hochklassiger Spieler. Selbst die Verteidiger schalten sich immer wieder in die Offensive mit ein, um Anspielmöglichkeiten zu schaffen. Ziel des Tiki-Taka ist es, immer mindestens zwei Möglichkeiten für den nächsten Pass zu haben – Dreiecksbildung ist das Stichwort.

Gerade in der abgelaufenen Saison geriet das System, dass Spanien drei große Titel und dem FC Barcelona die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte bescherte, jedoch zunehmend in die Kritik. Die Gegner des Tiki-Takas sprachen diesem die Effizienz ab. Von Ballbesitz der nicht zu großen Chancen, geschweige denn Toren führt war zunehmend die Rede. Als „sinnloses Ballgeschiebe aus reinem Selbstzweck“ bezeichneten viele das einst so erfolgreiche System. Auslöser für die Kritik war vor allem die titellose Saison des FC Barcelona, der in der Champions League bereits im Viertelfinale ausschied. Zum anderen wurde aber auch der FC Bayern nach dem sang- und klanglosen Ausscheiden gegen Real Madrid im CL-Halbfinale zum Ziel des Spotts. Der deutsche Rekordmeister, der unter Trainer Guardiola ebenfalls das Kurzpasspiel zelebrierte, hatte dem dynamischen Konterspiel der Königlichen kaum etwas entgegenzusetzen.

Schnelles Umschaltspiel als Mittel zum Erfolg

Im Finale der diesjährigen Champions League standen mit Real und Atlético Madrid zwei Teams, die das System Tiki-Taka eindrucksvoll bezwungen hatten. Atlético hatte bereits im Viertelfinale den großen FC Barcelona ausgeschaltet, Real warf wie erwähnt die Bayern raus. Der Spielstil der beiden Mannschaften aus der spanischen Hauptstadt war in dieser Saison sehr ähnlich angelegt.

Das System basiert auf einer kompakten Defensive und einem schnellen Umschaltspiel. Bei Balleroberung wird das Spiel direkt schnell gemacht und auf die Flügel verlagert, um dann vor dem Tor wieder in die zentrale zu stoßen. Sowohl bei Real, als auch bei Atlético bilden die Abräumer vor der Abwehrkette, sowie die schnellen Außenspieler, das Herzstück dieses überfallartigen Konterfußballs. Mit Benzema bzw. Diego Costa verfügen beide Mannschaften über einen klassischen Mittelstürmer im Zentrum, der die Angriffe zu Ende bringt.

Spanien bei der WM zu unflexibel

Im Vorfeld der WM in Brasilien gehörte Spanien natürlich auch wieder zum engsten Favoritenkreis. Das Team, das die letzten drei großen Turniere dominierte, war im Kern zusammengeblieben und auf einigen Positionen nominell sogar noch verbessert worden. Woran lag es also, dass die Spanier bei diesem Turnier zweimal keinen Fuß auf den Boden bekamen?

In der Qualifikation zur WM brannte bei den Spaniern nichts an. Souverän machte die „Furia Roja“ Schritt für Schritt ihren Weg nach Brasilien. Man gewann die Qualifikationsgruppe ohne Probleme, obwohl mit Frankreich ein starker Gegner wartete. Es gab also keinen Grund, das „System Spanien“, den von Ballbesitz und Kurzpassspiel geprägten Fußball , in Frage zu stellen.

In Brasilien scheiterte das Tiki-Taka dann bereits nach zwei Spielen. Die Spanier begingen zu viele einfache Fehler im Spielaufbau, die dann gnadenlos bestraft wurden. Die aufgerückten Innenverteidiger Piqué und Ramos kamen gegen die schnellen Niederländer im Auftaktspiel einfach nicht mehr hinterher. Die Holländer verengten das Spielfeld geschickt vor dem eigenen Strafraum und schalteten bei Ballgewinn enorm schnell um.

Nach dem ernüchternden 1:5 gegen die Niederlande musste sich im zweiten Spiel aus spanischer Sicht etwas ändern. Das Tiki-Taka war überhaupt nicht zur Entfaltung gekommen, die einstigen Lichtgestalten des spanischen Systems, Iniesta und Xavi, blieben blass. Vicente del Bosque musste handeln und nahm mit Xavi und Piqué zwei Spieler des FC Barcelona aus der Startelf. Diese beiden Änderungen waren ein Anfang, doch zu wenig. Das 0:2 gegen Chile bewies abermals, wie unflexibel die Spanier bei dieser WM agierten.

Wie schon im ersten Spiel scheiterte das Tiki-Taka erneut an blitzartig umschaltenden Südamerikanern. Letztendlich triumphierten Holländer und Chilenen über die Spanier in der selben Manier, wie zuvor Real und Atlético über Bayern und Barcelona. Die „Furia Roja“ schien am eigenen Stil ermüdet und es gelang ihnen nicht sich davon zu lösen, und dass, obwohl der Kader eine Änderung des Spielsystems durchaus zugelassen hätte.

Ein Umbruch steht bevor

Die Herausnahme von Xavi aus der Startelf vor dem Spiel gegen Chile war ein erstes Signal: Es wird ein Umbruch stattfinden in Spanien. Xavi (34), Xabi Alonso (32) und auch Andres Iniesta (30) werden spätestens bei der WM 2018 keine Rolle mehr spielen. Diese drei Mittelfeldakteure gehen als Inbegriff des spanischen Tiki-Takas der letzten Jahre. Das Spiel der Spanier wird sich daher in (nicht allzu ferner) Zukunft verändern.

Trotzdem bleiben die Iberer auch langfristig gesehen weiterhin eines der internationalen Topteams. Die WM 2014 war eine Niederlage aus der man lernen wird. Trotz der langsam scheidenden Superstars bleibt der Kader stark besetzt. Mit Isco, Thiago Alcantara, Carvajal, Christian Tello oder Gerard Deulofeu stehen junge Talente bereit, die das Zeug zu neuen Leistungsträgern haben.

Vicente del Bosque deutete seinen Rücktritt nach der WM bereits an. Seine Leistungen als Trainer sind nicht hoch genug einzuschätzen, trotzdem kann ein frischer Wind dem Team nicht schaden. Ich bin gespannt, wohin sich die spanische Nationalmannschaft in den nächsten Jahren entwickelt. Und bei einem lege ich mich fest: Die „Furia Roja“ wird bei der EM 2016 wieder ganz weit vorne mitspielen.

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